Komparse - Bühnenmusiker


Komparse im Staatsschauspielhaus Dresden

Mein letztes Volksschuljahr "läutete" sich ein, jenes, in dem wir uns den Unterricht - unser Lehrer erkrankte - selbst erteilten.

Im Konservatorium, integriert durch die Volksmusikschule, stürzten bestimmte Ereignisse auf mich ein, die ich in der Erinnerung mit Gelassenheit und Abgeklärtheit aufschreiben kann.

Im Konservatorium sprach mich eines Tages jemand an, ob ich nicht im Dresdner Staatsschauspielhaus als Komparse mitmachen wolle, man könne dabei auch einiges Geld verdienen.



Staatsschauspielhaus Dresden vom Zwinger aus gesehen

"Männliches Personal" zu Kriegsanfang - eine Mangelware.
Dadurch war ich ein begehrter und gefragter Jugendlicher für Vorhaben jeglicher Art.

Ich überlegte nicht lange, denn so ein Angebot lässt man sich nicht entgehen. Also sagte ich zu und sah mich plötzlich als Page verkleidet, mit einer Fackel in der Hand, in Kleists "Prinz von Homburg" im Dresdner Staatsschauspielhaus auf der Bühne stehen. Das war eine außergewöhnliche, ganz besondere Aufgabe, eine, die der extra Klasse zugeordnet werden muss!

Von diesen Geschehnissen auf, hinter und vor der Bühne hatte ich keinen blassen Schimmer. Zunächst verlief alles einigermaßen normal und verständlich. Von einem Inspizienten handelte ich mir nur einmal einen Anpfiff ein, weil meine Fackel nicht brannte. Er raunzte mich an warum ich die Fackel nicht vorher überprüft und mir vom Requisiteur eine neue Batterie geholt hätte?

An eine völlig andere und ungewohnte Art von Disziplin musste ich mich gewöhnen. Nicht diese befehlsgewohnte der Hitlerjugend, sondern jene, die im künstlerischen Bereich notwendig ist, damit in Aufführungen nichts schief läuft oder daneben geht. Vor allem musste ich mich an die mir meist unbekannten "Mitmimen" und deren Gepflogenheiten gewöhnen.


Berühmte Dresdner Schauspieler

Heute noch denke und erinnere ich mich gern an die großen Schauspieler in Dresden. Paul Hoffmann, ein hervorragender Charakterdarsteller und in Dresden sehr beliebt, Erich Ponto (bekannt durch den Film "Feuerzangenbowle") oder an die Schauspielerin Dumont. Die Dresdner sagten nur: "Heute Abend spielt die Dumont, da müssen wir hin".
Der alte Kottenkamp, welcher im "Prinz von Homburg den Obrist Kottwitz spielte und hinter der Bühne schrie: "Die ganze Reiterei haaaalt – absitzen!…."



Walther Kottenkamp (1889 – 1953)
Staatsschauspieler in Dresden

Dazu musste die gesamte Komparserie kräftigst auf den Boden trampeln, um die Szenerie naturgetreu zu imitieren. Wenn Kottenkamp das schrie, "wackelten" im Dresdner Staatsschauspielhaus nicht nur die Kulissen und die Wände auf der Bühne, da wackelte das ganze Haus! In einigen Schauspielen mitzuwirken, war mir vergönnt.

Neben großen, berühmten Schauspielern als Komparse auf der Bühne zu stehen ist nicht nur lehr- und aufschlussreich, sondern vermittelt ungewöhnliche Aspekte für das eigene Leben.

Für alle Dresdner Schüler im letzten Volksschuljahr gab es einen Pflichtbesuch im Staatsschauspielhaus, in der Staatsoper und in einem Konzert der Dresdner Philharmonie.

Im Schauspielhaus erlebten die Schüler meist Schillers "Räuber".
In der Staatsoper, der damals noch nicht zerbombten Semperoper, Webers "Der Freischütz" und in der Dresdner Philharmonie, der Jugend entsprechende sinfonische Musik.

In meiner Zeit als Dirigent der Dresdner Philharmonie dirigierte ich später solche Schüler- oder Jugendkonzerte, die in Dresden eine große Tradition besitzen.
Zu Generalproben verlangten die Regisseure, dass alle Mitwirkenden anwesend sein müssten, ansonsten durfte man nicht mit auftreten. Unser Lehrer Zeller war großzügig und befreite mich vom Unterricht, natürlich nur nach dem ich vom Intendanten einen schriftlich bestätigten Freistellungsantrag erhielt.

In den letzten Kriegsjahren -1943/44 - war alles schon dem Prozess der Auflösung und des Zerfalls anheim gefallen, so dass ich davon profitierte.

Das nächste Schauspiel in welchem ich mitwirkte: Schillers "Räuber". Als Räuber maskiert hockte oder lag ich links vorn mit anderen Räubern zusammen auf der Bühne unter einem großen Baum.
In einer der Vorstellungen musste, wie schon bemerkt, traditionsgemäß auch unsere Klasse dieses Schauspiel sich ansehen. Mein Schulfreund und Banknachbar "Knoden" (er hieß genau genommen Knoderer mit Familiennamen) sagte zu mir: "Mensch, Siggi, Klasse! Da kann ich Dich ja mal auf der Bühne sehen. Wo find` ich`n Dich da?" Ich erklärte es ihm.
Der Theatervormittag brach an, meine Klassenkameraden saßen, wenn ich mich richtig erinnere, im zweiten Rang. Plötzlich tönt es von dort oben ganz laut, so dass es jeder hören konnte: "Mensch guckt mal, da unten liegt der Síggi".
Zum Glück wusste keiner auf und hinter der Bühne wer "Siggi" war. Mir fuhr es durch alle Glieder. Ich wusste nicht was auf mich hereinbrechen würde.
Später, wenn wir uns zufällig trafen, lachten wir sehr viel über diese Story, dass einer den Mut hat, während eines Schauspiels aufzustehen und unüberhörbar etwas auf die Bühne zu brüllen.

Als Komparse dürfte das größte Erlebnis für mich das darauf folgende Schauspiel gewesen sein. Es handelt sich um Gerhard Hauptmanns: "Der weiße Heiland". Dieses Schauspiel, in Dresden uraufgeführt, ist meines Wissens nie wieder gespielt worden. Das Stück spielt in Mexiko und handelt von der Eroberung Mexikos durch die Spanier. Erich Ponto, einer der Hauptdarsteller, eigentlich d e r Schauspieler Deutschlands schlechthin, spielte in diesem Stück den mexikanischen König "Montezuma".
Erich Ponto aus der Nähe zu erleben, ihn spielen zu sehen, seine Mimik, seine Gestik, die Gestaltungskraft, alles das war für mich Neuland. Mein Leben hat das in einer Art und Weise geprägt, dass ich von einem Leitbild für mich sprechen kann, das als vorbildlich bezeichnet werden muss. Ich spürte als ganz junger Mensch (ich war 13-14 Jahre alt), dass diese Art tätig zu sein, harte, harte Arbeit bedeutet. Natürlich gehört dazu vor allem eine große Portion Begabung und eine Disziplin nach innen und nach außen.


Der berühmte Schauspieler Erich Ponto

In dem Schauspiel "Der weiße Heiland" mimte ich den zweiten mexikanischen Läufer! Rostfarben geschminkt am ganzen Körper, glich ich vom Aussehen her einem Azteken. Mit der rostbraunen Farbe musste sich jeder selber mit einem Schwamm einschmieren. Um den Rücken zu schminken halfen sich die Komparsen gegenseitig.
In diesem Werk waren drei Läufer notwendig. Vorwegnehmend möchte ich bemerken, das Abschminken fand unter der Dusche statt und es war schwierig die Farbe wieder loszukriegen. Meine Mutter ärgerte sich über meine weißen Hemden, die ich aus angehenden beruflichen Gründen zu dieser Zeit trug, über die rostbraun gefärbten Kragen- und Ärmelränder, denn ganz ließ sich die Farbe nicht immer abspülen.
In der Generalprobe und in der Aufführung war selbstverständlich der Autor Gerhart Hauptmann persönlich anwesend.

Als zweiter "mexikanischen Läufer" wurde ich eingesetzt. Von der rechten Seite kommend kamen wir auf die Bühne gerannt. In der Mitte hinten, vielleicht acht Meter vom Bühnenrand entfernt, thronte "Montezuma", alias Erich Ponto.



Erich Ponto (1884 – 1957)
Staatsschauspieler am Dresdner Schauspielhaus

Wir, d.h. ich, mussten uns auf den Boden vor ihm hinknien und beugen. An einem Stab, in einer Halterung eingehakt, stak quer darüber eine Papyrusrolle. Den Stab musste ich ihm so hinhalten, dass er die Rolle bequem abnehmen konnte. Ein "Herrscher" darf und sollte sich nicht so viel bewegen!
In einer Aufführung unterlief mir ein Missgeschick. Die besagte Rolle war mir von der Halterung herabgefallen und lag am Boden. Ich wusste nicht was ich in dieser Situation machen sollte. Da flüsterte mir Ponto in der Vorstellung zu: "Heb sie doch auf, Junge." Ich hob sie vom Boden auf, gab sie ihm per Hand und verschwand nach links hinten laufend von der Bühne.
Ob solcher "wichtigen künstlerischen Auftritte" auf der Bühne sollte ich mich
- in Dresden üblich – eigentlich "Staatsschauspieler" nennen!

Wer etwas vom Theater versteht weiß was die "Nullgasse" bedeutet. Ich wusste es damals noch nicht, bis zu jener Aufführung, als ich vor meinem Läuferauftritt in dieser stand und mir in aller Ruhe einmal die Bühne und ein Stück des laufenden Geschehens von der Bühnenseite, also mehr von vorn ansehen wollte. Neben mir stand plötzlich vor seinem Auftritt Erich Ponto in dieser Nullgasse.
Er flüsterte mir zu: "Was stehst`n da in der Nullgasse herum Kleener? Das ist verboten!" Dabei sah er ganz gemütlich wie ein normaler Mensch mich an, dabei ein schmunzeln im Gesicht. Der Inspizient trat plötzlich an ihn heran und flüsterte ihm zu: "Herr Ponto, ihr Auftritt!" Das was darauf folgte hatte ich in meinem Leben so noch nicht erlebt. Einen Schauspieler, der von jetzt auf hier, sich in Sekundenschnelle verwandelt. Ponto, urplötzlich ein ganz anderer Typ. Gravitätisch trat er als "Montezuma" auf die Bühne und spielte seine Rolle.

Meine Meinung über Disziplin und die harte Arbeit die ein Künstler einbringen muss, beschrieb ich schon vorher. In diesem Moment spürte ich deutlich – das sind immer nur Millisekunden im Leben – wie er sich vom "netten Bühnenonkel" der noch völlig locker flachst, in ein anderes Wesen verwandeln konnte. Wahrhaft prägend solche Erlebnisse für einen angehenden "Künstler". Ponto stellte in der "Feuerzangenbowle" und in vielen anderen Filmen sein Können als Charakterdarsteller unter Beweis.

Wie gesagt musste die Schule in dieser Zeit 1943/44 klein beigeben, wenn ich vom Theater den Zettel für die Freistellung vom Schulunterricht mitbrachte. Kein Regisseur wäre gewillt gewesen, in der Generalprobe auf einen der Mitwirkenden zu verzichten. In den Inszenierungen lernte ich auch, wie hinter der Bühne ein sogenanntes "Volksgemurmel" entsteht.

In Heinrich Laubes (1806 – 1884) "Struensee" - ein kaum mehr aufgeführtes Schauspiel - spielte ich einen Bettler. Wir Komparsen stellten meuternde Lumpen oder Revoluzzer dar. (Laube, heute vollkommen unbekannt, war übrigens kurze Zeit in Wien Burgtheaterdirektor.)

Hinter der Bühne musste ein Volksgemurmel entstehen. Für ein solches Gemurmel wird sprachlich das dafür bekannte: "Rhabarber, Rhabarber, Rhabarber - Gemurmel" benützt.
Verantwortlich dafür war der Inspizient. Diese Laute müssen mal leiser, mal lauter, mal langsamer, mal schneller gerufen wurden. Die Zeichen dafür erteilte der Inspizient. Danach schlichen wir auf die Bühne, besetzten die Schlosstreppe und bettelnden den Fürsten Struensee an.

Einmal kommt der Inspizient zu mir und sagt: "Siegfried, Du musst heute Abend eine kleine Nebenrolle spielen. Der andere ist erkrankt!"
Du meine Güte. Ich bin doch kein Schauspieler! Er sagte nur, das ist ganz einfach. Ich sage dir den Satz, du wiederholst ihn dir dreimal, dann kannst du das!
Du gehst raus und musst einfach sagen: " Wer kann lindern meine Schmerzen, mir nagt ein Wurm an meinem Herzen." Dann sagte er noch: "Merk Dir gut Schmerz und Herz!" Vor mich hin brummelnd sagt ich immer "Herz – Schmerz".
Mein Auftritt kommt. Ich geh raus und sage in meiner Aufregung: "Wer kann meine Schmerzen lindern. Mir nagt ein Wurm an meinem Hintern."
Da war was los danach!
Bei dem Inspizienten hatte ich es, auf deutsch gesagt, für immer"verschissen."

Dresdens Staatsschauspielhaus besaß eine der modernsten Bühnen. Während der laufenden Vorstellungen konnten die Bühnenarbeiter in zwei nach unten gelegenen Etagen neue Bühnenbilder aufbauen. Wenn ein Akt zu Ende war, fuhr die Bühne nach hinten und wurde in die erste oder zweite Etage versenkt. Zum gleichen Zeitpunkt hob man die für den nächsten Akt aufgebaute Bühne nach oben. In Dresden konnten Stücke gespielt werden die, ohne große Pausen ansetzen zu müssen, zeitlich die Vorstellungsabende verkürzten. Eine derartig moderne Technik sah ich nie wieder, zumindest ist mir nicht bekannt, dass es in Deutschland gleichartige Techniken gibt. In der heutigen Zeit sicher. Zu diesem Zeitpunkt den ich schildere, glaube ich es nicht.
Wundervolle Lehrzeit, aber nicht die einzige.


Letztes Konzert in Dresden vor dem Bombenangriff

Unter dem berühmten Dirigenten Karl Schuricht fand das letzte, für mich wundervolle Konzert in der alten Frauenkirche statt welches mit einem Rest der Dresdner Philharmonie und Dresdner Musikern aufgeführt wurde.
Vom "Kon" als Aushilfe geholt, durfte ich in diesem Konzert am 5. Horn mitwirken. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie eine Kirche betreten, da ich seit meiner Kindheit Atheist bin und atheistisch dachte.



Frauenkirche am Neumarkt mit historisch neu erbautem Wohnensembles

Ein unbeschreibliches Gefühl überkam mich, weniger des sakralen Charakters, sondern mehr im Bezug auf die Größe, Stille und weihevolle Stimmung. Die Akustik war einfach phantastisch und überwältigend.

Das Konzert war eines der letzten Ende Oktober, Anfang November 1944. Ich habe nachgelesen, dass im Juli 1944 die Dresdner Philharmonie aufgelöst worden ist, ebenso die Staatskapelle, welche nach Bad Elster evakuiert wurde, aber ich meine zu wissen, dass dieses Konzert als eines der letzten vor den Bombenangriffen und dem Kriegsende noch durchgeführt wurde.
Wahrscheinlich trommelte man alle noch vorhandenen, existierenden Musiker Dresdens zusammen, um diese Aufführung in der Frauenkirche zu ermöglichen.
In meiner Erinnerung war 1944 dieser Tag ein trüber Tag. Das Werk, das wir spielten, war eine sehr lange, einsätzige, sakrale Sinfonie. Ich glaube von dem namhaften, in der Nazizeit nicht sehr beliebten Komponisten Heinrich Kaminski.

Als junger Musiker beeindruckte mich vor allem der Kirchenraum. Im Kirchenraum erinnere ich mich an einige kleine Orgeln, die im Raum verteilt, sehr hoch an den Wänden angebracht waren. In der Fachsprache spricht man von sog. "Schwalbennesterorgeln". Sie ließen sich von einem Tisch aus bespielen und wurden auch in diesem Werk eingesetzt.
Wie die Kirche heute, nach dem Wiederaufbau gestaltet ist, kenne ich noch nicht, aber bei meinem nächsten Besuch in Dresden wird dies nachgeholt.

Das ich mich irre, nehme ich nicht an, ich bin mir aber auch nicht sicher, ob an Hand alter Aufnahmen des Innenraumes, dieser wieder so aufgebaut wurde. Mit meinen 15 Jahren sind diese Erlebnisse oft erdrückend und überwältigend gewesen, zudem ist man in diesem Alter noch naiv und unerfahren.
Das Konzert in der Frauenkirche ist mir auch deshalb im Gedächtnis geblieben, weil kurz danach, also Anfang Dezember, einige Bomben auf Dresden fielen und diese Tage für mich in einem besonderen Zusammenhang stehen.
Diese ersten Bomben waren möglicherweise Irrläufer, so etwas passiert im Krieg immer wieder. Sie konnten aber auch in der Nähe des Wettiner Platzes, in der Könneritzstraße gezielt abgeworfen worden sein, um das Elektrizitätswerk und den Wettiner Bahnhof zu zerstören. Beide Gebäude blieben unversehrt. Lediglich in der heutigen Schweriner Straße, die Straße die vom Postplatz Richtung Bahnhof Mitte führt, wurden einige Häuserzeilen getroffen.
Jeder Dresdner glaubte und behauptete, Dresden würde niemals auf Grund seiner historischen Bauwerke angegriffen. Diese Meinung, oder Hoffnung, stellte sich als völlig irrig heraus, wie der 13. Februar 1945 beweist.

Aus Neugierde strömten nach dieser Zerstörung Ende 1944 alle Dresdner in diesen Stadtteil. Auch meine Eltern schauten sich diese Zerstörung mit mir an. Die Dresdner wären gut beraten gewesen, dieses "Intermezzo" als Vorwarnung anzusehen und sich auf diese Situation einzustellen.
Dem war nicht so. Dresden stürzte völlig überrascht in das Inferno, welches dann im Februar 1945 über sie hereinbrach.


Bühnenmusik in der Semperoper

Mein Hornlehrer Lippelt hält mir eines Tages ein Notenblatt vor die Nase und sagte zu mir. "Blas das mal". Ich tat es. Er hörte es sich genau an und meinte dann zu mir: "Morgen Abend bist du 19 Uhr in der Staatsoper und machst Bühnenmusik mit!"
O je. Wie das? Was nun? Ich fuhr zur Semperoper, ging zum Bühneneingang und erkundigte mich, wie ich zur "Bühnenmusik" komme.



Semperoper davor Reiterstandbild Johann I. König von Sachsen
Das Reiterstandbild wird kaum wahrgenommen,
es stammt von Johann Schilling und wurde 1889 am Theaterplatz aufgestellt.
Johann I. lebte von 1801 – 1873, er starb im Pillnitzer Lustschloß


Nach einigem Suchen, befand ich mich in einem kleinen Saal. Mehrere Hornisten standen bereits für die Probe herum. Dann kam ein Korrepetitor und die Probe begann. Korrepetitor in der Staatsoper zu sein war schon etwas Besonderes. Als fünfter oder sechster Dirigent der Staatsoper durften sie ab und zu auch mal eine Oper dirigieren. Dass dies beiläufig eine konkurrierende Rangfolge ergab ist folgerichtig.
Erstaunt stellte ich fest, dass wir insgesamt 16 Hornisten, also vierfach besetzt waren. Die 16 Hornisten als Bühnenmusiker für Wagners "Tristan und Isolde".

Und nun kommt etwas Unvergessliches: Ich stand in der Probe neben einem kleineren, älteren Hornisten - mit ihm spielte ich später zusammen in der Dresdner Philharmonie – an einem Pult. Er hieß Fiedler und war, wie gesagt, sehr klein gewachsen. Mit seiner Nickelbrille sah er aus wie Franz Schubert.
Ein ausgesprochen sächsisches Original, vor allem durch seinen unnachahmlichen sächsischen Dialekt. In einer Probe der Philharmonie stand er freitags mittags einmal um 12 Uhr auf und sagte zum Dirigenten: "Herr Generalmusikdirektor ich muss jetzt'de de Brobe verlass`n." Der Dirigent: "Ja, warum den Fiedler?" Er: "Ich hab` heide de Hausordnung und muss reene machen". Sprachs, stand auf und ging. Natürlich kannten alle Fiedler und ihnen war klar, was er damit eigentlich sagen wollte: Der Chef sollte die Probe Punkt 12 Uhr beenden, ein Wink mit dem Zaunspfahl!


Erster Sexualunterricht in der Oper

Zurück zur Bühnenmusik, der Korrepetitor brach in der Probe ab und wir sollten etwas in die Stimmen einzeichnen. Da sagte Fiedler, mein Spannemann, so nennt man die Pultgenossen, zu mir: "Gleener, hast'n Bleistift bei dir". Ich sagte: "Nee". Darauf er zu mir: "Das eene muss'de dir ma' mergen Gleener, ä' richtscher Musigger had immer 'nen Radiergummi, 'nen Bleistift und 'nen Bariser bei sich".
Schöne "An- und Aussichten" für einen 13jährigen! Dies meine erste Sex-Lehrstunde für das weitere Leben!
Oft erzählte ich diese Episode, immer daran denkend, was ein junger Mensch alles von älteren Menschen erfahren und lernen kann.


Sächsische Sprache

Fiedler, besagtes Unikum besonderer Art, sprach ein unsägliches, aber ausgeprägtes Sächsisch. Deshalb möchte ich hier etwas Sprachunterricht in Sächsisch erteilen: in Dresden unterscheidet und spricht man vom harten D und vom weichen D. Von einem harten B, und von einem weichen B. Das gleiche gilt für G und K. Vom Sächsischen wird noch die Rede sein, vor allem wie es geschrieben wird.
Einige wenige Kostproben, die mir bekannt sind und die nur noch wenige ältere Dresdner kennen, sind in den vorherigen Texten schon gegeben. Der Stadt Dresden werde ich ein besonderes Kapitel widmen.
Wie viel Zeit- und Augenzeugen gibt es, die von dieser ehemals so schönen und prächtigen Stadt, dem "Elbflorenz", berichten können?

Aus dem oben Geschilderten ersieht man, dass ich also noch in der alten, unzerstörten Semperoper tätig war. Im Laufe der kurzen Zeit bis zum Bombenangriff bin ich möglichst in alle Winkel gekrochen in die ich nur hinein kommen konnte.

Wagners "Tannhäuser", für mich der nächste Einsatz.
Dann noch eine Oper von Werner Egk "Die Zaubergeige". Dafür wurden nur zwei Hornisten benötigt. Ziemlich weit hinten stand ich mit meinem "Spannemann" auf der Bühne, quasi eine Art "Echomusik". In einer der Aufführungen sagte der Korrepetitor der uns den Einsatz zum Blasen geben musste: er müsste mal nach vorn gehen und sich am Klavierauszug orientieren an welcher Stelle die Oper sich gerade befindet. Wir standen da und warteten auf ihn. Er kam so schnell nicht wieder. Ich sagte zu meinem Spannemann: "Du, ich glaube die Hornstelle ist vorbei". Es war auch so. Er kommt und sagt aufgelöst: "Ich habe den Einsatz verpasst". Sicher eine peinliche Situation für ihn, denn einen "Patzer" zu verursachen, dafür gab es vom Chef einen deftigen Anpfiff.
Zu meinem Spannemann sagte ich: "Komm schnell wir hauen ab. Wir holen unser Geld von der Kasse und dann nichts wie weg." Geld geholt und dann schnellstens aus dem Opernhaus.
Für Bühnenmusik gab es immerhin ein ansehnliches Honorar!


Berühmte Dirigenten und Solisten

Generalmusikdirektor Karl Böhm war seit einigen Jahren Chef der Staatskapelle und der Oper, neben ihm Staatskapellmeister Kurt Striegler. Sie dirigierten die meisten Opernvorstellungen. Von Striegler berichte ich später auch noch einiges.

Gern erinnere ich mich an die vom Format her, Oktavheft (Din 7) großen "Leporelli" der Staatsoper. Programmhefte die monatlich herausgegeben wurden. Diese waren sehr bequem zu handhaben. Jede vornehme Dame konnte diese in ihr Handtäschchen stecken und jeder Herr in den Frack oder Smoking.
Dazu muss gesagt werden, dass die Dresdner Gesellschaft, also das Opernpublikum, zu dieser Zeit, teils aus gut bürgerlichen oder noch aus alten höfischen Kreisen stammte und die Kleidung eine gewichtige Rolle spielte. Das Opernpublikum setzte sich vor der Nazizeit auch besonders aus jüdischen Mitbürgern zusammen.
Man denke hierbei nur an Viktor Klemperer, oder an berühmt gewordene Künstler und namhafte Geschäftsleute Dresdens.
Der Opernspielplan wurde so aufgestellt, dass man jeden Abend eine andere Oper spielte. Nur montags nicht, wenn ich mich richtig erinnere. Das ist für die heutigen Theater und den gängigen Spielplänen wohl kaum mehr möglich.
Hinzu kam, dass Dresden ein Sängerreservoir aufweisen konnte, das neben der Mailänder Skala und der Metropolitenoper in New York, einmalig in der Welt dastand. Selbst noch nach dem Krieg erlebte ich dieses Ensemble. Dresden konnte Sopranistinnen aufweisen die alle weltberühmt waren. Ich erlebte noch Maria Cebotari, die aus Bessarabien stammende weltberühmte Sopranistin.
Nachdem 1943 die Staatsoper geschlossen, die Staatskapelle nach Bad Elster "evakuiert" wurde und 1945 wieder in Dresden das Konzert- und Operntheater auflebte, konnte ich ganz kurze Zeit Maria Cebotari in einer Aufführung erleben.
Nachstehende Bilder sind einem alten Programmheft vom Februar 1940 entnommen und zeigen nur einige der weltberühmten Solisten der Dresdner Staatsoper.
Die unten aufgeführten erlebte ich als junger Mensch während des Krieges und auch danach.
Von den vielen Solisten stach besonders Margarete Teschemacher heraus. Wenn sie im Programm angekündigt wurde, rissen sich die Dresdner um die Eintrittskarten.





... aus Programmheften der alten Staatsoper (ca. 1940)

Wenn eine der Sopranistinnen – indisponiert - nicht singen konnte, freuten sich ihre Kolleginnen, dass sie einspringen durften.
Vierzehntägig wurde am Wochenende meist Wagners "Ring" aufgeführt. Richard Strauß leitete selber seine Opern und deren wurden einige in Dresden uraufgeführt. Ein Kollege der Staatskapelle erzählte mir einmal, es hätte in Dresden eine ältere Dame gegeben, welche ein Abonnement für eine Loge besaß. Sie hätte nach der Uraufführung des "Rosenkavaliers" (1911) von Richard Strauß diese Oper mindestens 110 Mal sich angehört und erlebt (Wahrscheinlich kannte sie die Partitur besser als mancher Operndirigent!).

Einer der berühmtesten Sänger, der den "Ochs von Lerchenau" gestaltete, fast zelebrierte, war der Bassist Kurt Böhme. Später erzielte er an der Wiener Staatsoper sagenhafte Erfolge.
Ihn konnte ich nach dem Krieg in Dresden noch selbst erleben und werde dazu noch berichten.


Der Dresdner Zirkus "Sarrasani" am Carolaplatz

Die zirzensische Kunst präsentierte sich in Dresden durch den weltberühmten Zirkus "Sarrasani" in dem geschlossenen Prachtbau am Carolaplatz.
Nachstehende Aufnahme zeigt den Prachtbau vor der Zerstörung durch die Bombenangriffe Dresdens 1945.



Zirkuspalast "Sarrasani" vor der Zerstörung 1945 am Carolaplatz
rechts im Hintergrund die Dreikönigskirche
links im Hintergrund die berühmte exotische Zigarettenfabrik "Yenidze"



Dresdner Zigarettenfabrik "Yenidze" (aus Wikipedia)

Die ständig wechselnden Programme mit den außerordentlichen, z.T. einmaligen Dressurnummern mit Pferden, Löwen, Elefanten, Kamelen, sowie die Hochseilartisten und andere, für mich oft halsbrecherisch unglaubliche, artistischen Leistungen brachten den Zirkus zu Weltruhm.

Am Konservatorium studierte mit mir ein junger Musiker (ich kann mich weder an seinen Namen, noch an sein Gesicht erinnern), der sagte zu mir eines Tages: "Mensch, Siegfried, willst du mit mir mal in den Zirkus gehen?" Ich fragte leicht ungläubig zurück: "In den Zirkus?" "Ja!" sagte er: "in den Sarrasani."
Ich fragte ihn wieso, warum und wie das gehen sollte? Er erzählte mir, dass sein Vater im Zirkus "Sarrasani" Geschäftsführer oder Verwaltungsdirektor sei und er immer zwei Freikarten für die "Dienstloge" bekommen könnte. Der Zirkus wechselte die Programme regelmäßig aller paar Wochen.
Als "Sinfoniker" der ich das war und werden wollte, besaß ich kein besonderes Faible für den Zirkus. Ich war nicht unbedingt begeistert für die zirzensische Kunst, ließ ich mich aber überreden und wir saßen eines Abends in einer Loge 1.Klasse. Das müsste 1943 gewesen sein. In den letzten Kriegsjahren, einer tristen und sich immer mehr zuspitzenden Zeit durch die Kriegsereignisse, war das für uns junge Musiker (wir waren 1943 gerade mal 14 Jahre alt) eine willkommene Abwechslung.
Wenigstens fünf bis sechs Mal sahen wir uns Programme im Zirkus "Sarrasani" an.
Bei aller Achtung vor den artistischen Leistungen musste ich bei den Drahtseilnummern oft wegschauen, da es mir durch und durch ging ob der waghalsigen akrobatischen Künste. Nicht unbedingt wagehalsig und mutig, schauderte mich der Gedanke daran, dort oben selber stehen zu müssen.

Zwei Abende aber sind mir unvergesslich geblieben. Einmal der Abend mit dem Clown Charlie Rivel und seiner Truppe.
Sein nicht nachzuahmendes: "Akrobat schöööööön", seine Mimik und Gestik, eine in der Welt einmalige Clownerie.



Charlie Rivel (1896 – 1983) so wie ich ihn erlebte



Noch im Alter sagte er: "Weil ein Clown nichts anderes ist
als ein Kind das versäumt hat, erwachsen zu werden."


Der andere Abend ist bei mir noch tiefer im Gedächtnis haften geblieben und in der Erinnerung.
Wir erlebten einen Abend mit "Grock". Sein eigentlicher Name ist Adrian Wettach,
geboren in der Schweiz und bekannt als schweizerischer Musikalclown.
Vom Leben des Musikalclowns Grock gibt es einen hervorragenden Film.

Ihn zu erleben war etwas ganz besonderes. Mit weißen Handschuhen, auf einer Achtel-Geige spielend, stieg er auf einen Flügel, rutschte dann auf dem Klavierdeckel, den er an der Seite angelegt hatte, auf demselben wieder zum Boden herunter. Diese artistische Leistung gefiel mir deshalb besonders, weil er alles so echt vortrug, dass man meinte, es geschehe wirklich.
Bevor er das Kunststück ausführte, schob er immer zuerst den Flügel an den Klavierstuhl, was natürlich die dümmlichste Vorgehensweise ergab. Dem Publikum dies mehrmals vorgaukelnd, bemerkte er endlich, dass, wenn er den Klavierstuhl an den Flügel heran schiebt, dies wohl leichter sei und die bessere Lösung darstellt.



Musikalclown Grock - alias Adrian Wettach (1880 – 1959)
sein berühmter Ausspruch: "Nit möööööööglich!"

Für mich war es wundervoll, diese berühmten Künstler persönlich zu erleben und agieren zu sehen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dies in dieser Konstellation nach dem Krieg je wieder zu erleben war.

Köstliche und erheiternde Bilder in einer Zeit beginnender Trostlosigkeit und verheerender Nachrichten von allen Kriegsfronten.

Um das Kapitel Zirkus abzuschließen: Der Zirkus wurde beim Bombenangriff völlig zerstört, so dass danach einige lebende Tiere notgeschlachtet werden mussten. Die Zirkusleute ratlos dastehend konnten die Tiere nirgendwo unterbringen.

Mein Schulfreund kam nach dem Angriff zu mir und fragte mich ob ich ein ½ Pfund Fett haben möchte. In einer Zeit des Hungerns ist man dankbar für jedes derartige Angebot. Er sagte nur ganz lakonisch und nebenbei zu mir: "Du, das ist aber Kamelfett". Zunächst blickte ich ihn zweifelnd an, sagte dann aber: "Ja, gib es mir".
Meinen Eltern zu sagen, dass ich Kamelfett mitbringe, traute ich mich nicht, also sagte ich zu meinen Eltern: ich hätte ein ½ Pfund Schweinefett aufgetrieben und mitgebracht.
Meine Mutter beschmierte gleich einige wenige Stullen für jeden - und genüsslich verspeisten wir das Brot. Ich selbst biss vorsichtig hinein! Nur ich wusste was sie auf das Brot schmierte. Hungrig wie jeder zu dieser Zeit konnte man so ein Brot schon als "Delikatesse" verspeisen.
Als ich danach offenbarte sie hätten eben Kamelfett aus dem Zirkus "Sarrasani" gegessen, wurden zwar die Gesichter etwas länger, geschmeckt hat es trotzdem allen und gelacht haben wir außerdem.

Die damit verbundene Tragik des Geschehens musste außer Acht gelassen werden, darüber Nachzudenken hätte alle in tiefe Verzweiflung versinken lassen.
Wenn irgendwer von uns etwas mit nach Hause brachte, dann hieß es natürlich immer: Das wird doch wohl nicht Kamelfett sei?
Der Zirkus "Sarrasani" ist für mich eine grandiose Erinnerung und eine abwechslungsreiche obendrein!

Auf das Ende des Krieges schauend wusste keiner mehr, was noch sinnvolles gemacht werden sollte, jeder konnte nur die geringen Möglichkeiten wahrnehmen die sich anboten.
Die Komparserie- und Bühnenmusiktätigkeit bot sich mir, wie vieles andere zu dieser Zeit, als Lehr- und Lernzeit bestens an und brachte viel Auftrieb und Erfahrungswerte mit sich.
Kaum ein anderer Junge konnte das in dem Alter erleben.