Bomben auf Dresden


13. Februar 1945. Der schrecklichste und fürchterlichste Tag für uns die wir ihn erlebten, und für die einmalig schöne Stadt Dresden. Der Untergang einer Stadt. Eine Stadt, die, völlig zerstört, ihren Glanz in dieser Form so schnell nicht wieder erhalten sollte. Meine Eindrücke und Erlebnisse von dieser Nacht kann ich minutiös wiedergeben und erzählen. Wir hatten - wie gewöhnlich - dienstags um 19 Uhr Orchesterprobe im großen Konzertsaal des Konservatoriums. Geprobt wurde Webers "Freischütz"- Ouvertüre. Nachwuchsdirigent Reger leitete die Probe. Ich war damals Solohornist im 'Kon'-Orchester (so nannten wir das Konservatoriums-Orchester) und sagte zu meinen Spannemännern*: "Mensch, heut' is' Fasching, wir nehmen mal den Reger hoch. Wir steigen am Anfang der Ouvertüre, wo's Hornquartett beginnt, auf die Stühle und ärgern Reger". Das taten wir dann auch, worauf Reger meinte: "Ich merk` schon, ihr habt heut' keine Lust zum Proben, weil Fasching ist". Dazu sei bemerkt, dass Fasching in der Nazizeit, vor allem in den Kriegsjahren in Dresden, insbesondere an diesem Abend, überhaupt keine Rolle spielte und auch keinerlei Bedeutung hatte. Trotzdem war die Probe zu sprengen ein Anlass, wie es jungen Menschen eigen ist.

*Spannemänner sind diejenigen, die mit am Pult sitzen und das gleiche Instrument spielen.


Dieses Provozieren und der Abbruch der Probe bewusst gemacht, rettete uns allen möglicherweise das Leben. Ich werde das genauer erzählen. Der Abbruch der Probe fand ungefähr gegen 19.30 Uhr statt. Unsere Harfenistin Inge Röthing, im Probenraum anwesend, weil noch ein Stück mit Harfe probiert werden sollte, wartete im Seitenraum. Nach der abgebrochenen Probe fragte ich sie, ob sie nicht Lust hätte mit mir nach Hause zu laufen, sie wohnte in der Borsbergstraße in Striesen. Diese Straße war drei bis vier Straßenbahnhaltestellen vom 'Kon' entfernt. Wir liefen gemeinsam los. An diesem Abend aber kam für meine Verliebtheit bei ihr keine Stimmung auf. Wir trennten uns an der Haltestelle Mosenstraße. Ich stieg in die nächste Straßenbahn und fuhr mit der Linie19, bis zum bereits genannten Wasserwerk Tolkewitz nach Hause. Als ich ausstieg, hörte ich ein mir nicht bekanntes Brummen in der Luft. Es war ca. 21.15 Uhr. Die Salbachstraße entlang laufend, an unserer Schule vorbei, kam ich bis zur Theodorstraße, an deren Ecke Fleischer Hofmanns Geschäft lag. Die Sirene, die bei ihm auf dem Dach montiert war, fing an zu heulen - natürlich mit anderen Sirenen zusammen. Als ich unmittelbar an dem Haus vorbei lief, dröhnte mir die Sirene besonders laut und schrill ins Ohr. So schnell ich konnte rannte ich nach Hause. Meine Mutter, mich noch in der Stadt wähnend, hätte sonst eine entsetzliche Angst bekommen, wenn ich nicht zu Hause gewesen wäre.
Im Haus ankommend, befand sich bereits alles in Aufruhr. Die Hausbewohner liefen mit ihren Köfferchen - es musste jeder immer seine persönlichen Papiere und einiges Hab und Gut bei sich führen - in den Luftschutzkeller. Meine Mutter hatte schon meine Schwester Erika an der Hand. Ich half ihr schnell in den Keller zu kommen und danach tat ich das gleiche mit einer Frau Jannasch, die mit im Haus wohnte. Ihren Kinderwagen in dem ihr Baby lag, wollte sie vom 1.Stock die Treppe hinunter tragen, da sie das nicht allein konnte, half ich auch ihr. Ich glaube das Baby war damals erst vier bis sechs Wochen alt.
Im Keller angekommen suchte jeder einen Platz und harrte der Dinge die da kommen. Entgegen vorhergehenden Luftschutzwarnungen, die es oft gab, dröhnten die Sirenen wiederholt, fast ununterbrochen, so dass jeder ahnte: Diesmal wird es ernster als sonst. In Dresden glaubte bis zu diesem Zeitpunkt jeder sehr selbstbewusst, dass es nie zu einem Bombenangriff kommen würde, obwohl bereits Ende November 1944, in Dresden in der Schweriner Straße, Bomben Häuser zerstört hatten. Dieser Teilangriff ist vielen, meine ich, nicht mehr in Erinnerung.


"Christbäume" am Himmel und das zum Karnevalsdienstag

Zu meiner Mutter sagte ich: "Ich geh' mal vor die Hoftür und schaue was los ist". Als ich draußen ankam, dachte ich, ich sehe nicht recht. Da waren "Christbäume" gesetzt und "Leuchtkugeln" erhellten den Himmel. Es war taghell. Man hätte Zeitung lesen können.
Ein mächtiges Rumpeln und Krachen begann, wie ich es so noch nie gehört hatte. Schnell verkroch ich mich wieder ins Haus, war aber neugierig und schaute, was draußen vor sich geht. An der Haustür innen stehend, beobachtete ich durch die Glasfenster das Geschehen. Im Keller fingen die Leute an zu jammern, zu aller erst die Frauen. Meine Mutter rief mich, ich solle in den Keller kommen. Ich blieb aber an der Tür stehen, leichtsinnig zwar, aber eben neugierig. Die beiden am Kriegsdienst nicht beteiligten Männer in unserem Haus saßen kreidebleich auf ihren Bänken und jammerten, ebenso wie die anderen, vor sich hin. Die Bombenabwürfe kamen immer näher. Ich sah noch, wie die in der Nähe des sogenannten Ernemann-Turmes liegende Mimosa – Filmfabrik in Striesen in die Luft flog. (Diese Fabrik war ca. einen Kilometer Luftlinie von uns entfernt.) Eine derartige Stichflamme sah ich noch nie. Mindestens hundert Meter hoch. Ab da begab auch ich mich in den Keller. Ich blieb immer unter dem Rahmen der Kellertür stehen, weil ich glaubte gesehen zu haben, dass, wenn ein Haus einstürzt, der Türrahmen, durch die Metallabstützung am ehesten standhält. Es kann sein, dass ich dies auch irgendwo in einer Wochenschau im Kino gesehen hatte. Dieses erste Bombardement war derartig beängstigend, weil keiner wusste was noch kommen kann, oder was noch passieren würde. Die Erschütterungen der Bombeneinschläge spürte man deutlich. Die Einschläge kamen immer näher und verstärkten sich. Es war grausam!
Ängstlich, aber doch neugierig, lief ich immer wieder die Kellertreppe nach oben, um zu schauen was draußen passiert. Ich spürte wie sich draußen ein ungeheurer Sturm entfachte. Brennende Fetzen kamen angeflogen. Wie ich später feststellte, waren es Fetzen von Dachpappe und anderem brennbaren Material. Meine Mutter hielt meine fünfjährige Schwester Erika fest im Arm und war am Wimmern und Jammern wie die anderen Frauen. Es war nicht nur schrecklich, sondern mit Todesangst verbunden, denn keiner konnte sich vorstellen welches Inferno sich da entwickelte.
Nur eine Frau nicht - und das war für mich die standhafteste und mutigste: Frau Jannasch!


Brandbomben, nicht ungefährlich, leicht entzündbar

Plötzlich sah ich bei diesem ersten Bombardement einen kurzen Feuerstrahl vor einem der Kellerfenster. Keiner wusste was das sein könnte und was das bedeutet. Ich lief kurz in den Hof und sah, dass eine Brandbombe im Erdboden stak. Mich erinnernd, dass solche Brandbomben leicht alles in Brand setzen können, fragte ich die Hausbewohner wer mit mir auf den Boden gehen würde. Einfach kontrollieren ob da nicht so eine Bombe liegen könnte. Keiner hatte den Mut mit mir mitzugehen - außer Frau Jannasch. Sie ließ ihr Baby im Kinderwagen und stieg mit mir die Treppen zu den Bodenkammern hinauf.
Nach diesem "Einsatz" ist mir das erste Mal in meinem Leben bewusst geworden, dass Mutterschutz und Erhalt von Leben in solch einer Situation der totalen Angst, einer Furcht nicht zu wissen was auf einen zukommt, allem anderen Geschehen vorgeht. Sie ließ ihr Neugeborenes allein, um es zu schützen. Ein Instinkt, Tieren vergleichbar, die ihre Kleinen verlassen, um von ihnen Gefahr abzuwenden, sie aber dadurch behüten.
Der Bodenraum in zwei Hälften geteilt, diente im Winter zum Wäscheaufhängen. Der andere, in acht Teile gegliedert, diente den Bewohnern als Abstellkammer. Im Krieg musste auf jedem Boden – und da wurde die Bevölkerung durch Luftschutzübungen gedrillt – ein Eimer mit Wasser, einer mit Sand und eine sogenannte "Feuerpatsche" stehen und bereitgehalten werden. Diese Patsche war einfach ein Besenstiel mit einem daran befestigten Scheuerlappen. Als wir oben angekommen uns umschauten, stellten wir fest, dass tatsächlich eine Brandbombe durch das Dach eingeschlagen war. Sie stak im Dachboden, war sechseckig und ungefähr 40 bis 50 cm lang. Der Dachboden bestand bei der Bauweise in den dreißiger Jahren immer aus Holzdielen. Eine Art Krude, oder kohleartige Verbrennungsrückstände, waren als Dämmmaterial dazwischen gelagert. Das Ganze glimmte bereits beträchtlich. Da wir keine Ahnung hatten, was im Fußboden stak, sagte ich: "Am besten ist, wir schütten erst einmal Sand darauf, um ein Feuer zu verhindern".
Wir überlegten was wir machen sollten. Keiner von uns beiden wusste so richtig was das wohl für ein Ding sei. Wir wussten auch nicht wie gefährlich diese Dinger sein könnten. Damit in Berührung zu kommen, kann gefährlich sein. Wie sollten wir uns verhalten?
Wie bereits gesagt, als Hilfsgerät musste immer ein Spaten bereitstehen. Zu Frau Jannasch sagte ich: "Am besten ist, wenn Sie eine Dachluke aufmachen, ich nehm' den Spaten, angle mir das Ding und schmeiß es zum Fenster hinaus". Gesagt, getan. Die Nacharbeit mit Wasser und Sand war eine Kleinigkeit. Ich habe mir später sagen lassen, dass bei den Bombenangriffen die Betroffenen, wenn sie mehr Mut gehabt, ihre Häuser hätten retten können. Viele Häuser wurden lediglich durch Brandbomben zerstört bzw., sie brannten aus. Der mutige Einsatz von Frau Jannasch fand meine volle Hochachtung. In späteren Jahren brachte ich ihr gegenüber das einmal zum Ausdruck und sie, ebenso erfreut über meine damalige Entschlossenheit, erwiderte diese Einschätzung.
Als es einigermaßen ruhiger geworden war und wir keine Bombeneinschläge mehr hörten, stieg alles aus dem Keller wieder nach oben in die Wohnungen. Jeder wollte sich Ruhe gönnen und vielleicht auch schlafen gehen.
Zum Glück war unser Haus verschont geblieben.


Was passiert in der Nachbarschaft? Bombenteppiche auf Dresden!

Manche schauten auf die Straße ob in der Nachbarschaft etwas passiert oder zerstört sei. Dem war aber nicht so. Allerdings sprach es sich bald herum, dass in Tolkewitz zwei Fabriken brennen würden und zwei Häuser zerbombt wären. Mehrere rannten dahin um zu helfen, vielleicht aber auch nur aus Neugier. Auf jeden Fall brannte in der Lewickistraße die Hutfabrik lichterloh und in der Theodorstraße die Baracke der Belka-Werke. Trotz des Feuersturmes lag über allem eine unheimliche Ruhe. Der Strom war weg. Die Wasserleitung gab nichts mehr her. Keiner wusste, was der andere Morgen bringt, oder wie es weiter gehen sollte. Manche versuchten die restliche Nacht zu schlafen, als auf einmal, ohne Vorankündigung - die Sirenen konnten ja nicht mehr aufheulen - ein zweites Bombardement anfing, mit einer Wucht die unbeschreiblich zu nennen ist. Dieses Bombardement war jener berüchtigte "Bombenteppich" welcher die Innenstadt und die anschließenden Vororte dem Erdboden gleichmachte und diese in Schutt und Asche legte. Ab diesem Zeitpunkt war die Beherrschung unserer Mitbewohner gänzlich dahin. Es spielten sich Szenen ab, die zu erleben und zu spüren kaum mehr beschrieben werden können. Todesangst breitete sich unter unseren Hausbewohnern aus. Aufschreien und lautes Jammern bei jeder Erschütterung. Die Frauen pressten ihre Kinder an sich. Auch meine Mutter hielt meine Schwester Erika fest in den Armen. Dauer und Zeit des zweiten Angriffes sind für mich nicht mehr nachvollziehbar. In solchen Momenten, geht jedes Zeitgefühl verloren. Die verstärkten, erdbebenartigen Erschütterungen und die zunehmenden Feuerstürme habe ich noch im Ohr und im Auge, danach allerdings muss ich eingestehen, ist ein bestimmtes Zeit- und Lebensgefühl nicht mehr erinnerlich. Wie wir den darauffolgenden Morgen erlebten und verbrachten, kann ich nicht mehr sagen. Die nächtlichen Erlebnisse überschatteten alles. Eines weiß ich sicher – und dies hat sich in meinem Leben in Gefahrensituationen immer wieder bestätigt – ich blieb innerlich ruhig und relativ gelassen und kalt in meiner Gefühlswelt. Klar und nüchtern im Denken. Wieso und warum, kann ich nicht sagen. Glücklich darüber, dass die Natur mir dies gegeben hat, denn für mein Berufsleben später war es notwendig und förderlich.


Der nächste Tag – ein sonniger Wintermorgen

Mittwoch, der 14. Februar, war ein sonniger und klarer Wintertag. Nebenbei bemerkt, in jenen Tagen herrschte noch Winter und Teiche, vor allem die Löschteiche, waren zugefroren. Diese Situation der zugefrorenen Teiche ist für ein bestimmtes Ereignis, das ich noch schildern werde, in den Tagen der Bombardierung von einer Bedeutung, die sich kaum einer vorstellen kann.
Auf dem Hof schaute ich mir anderen morgens die eingeschlagene Brandbombe an, sie ragte etwa 2 cm über dem Boden heraus und ich überlegte was man damit machen sollte. Am besten ist es Erde darüber zu häufeln, aber so, dass niemand über dieses Ding stolpern konnte. Wie ich so am "Herumwerkeln" bin, höre ich ein Brummen am Himmel schaue hinauf und sehe am strahlend blauen Himmel zehn Bomber ankommen. Ich schrie ins Haus: "Schnell alle in den Keller. Bomber sind im Anflug". Sie rannten alle in den Keller. Ich stand noch auf dem Hof und sehe wie eines der Flugzeuge im Sturzflug, eine schwarze Fahne hinter sich herziehend, auf das Gaswerk in Reick zusteuert. Inzwischen wussten wir aus Kriegsberichten und durch andere Informationen, dass mit diesen schwarzen Streifen Stellen markiert werden, um den nachfolgenden Bombern anzuzeigen wie und wo sie ihre zerstörerische Last abwerfen sollten. Als ich dies sah, dachte ich: "Du meine Güte, wenn die das Gaswerk treffen, dann fliegen wir alle in die Luft." Das Gaswerk ist Luftlinie gesehen - wie die Filmfabrik - vielleicht auch einen Kilometer von uns entfernt. Von unserem Küchenfenster in der Nagelstraße konnte ich es ungefähr so sehen, wie es auf dem ersten Bild erscheint, vielleicht näher und deutlicher.



Altes Gaswerk Reick (Genehmigung: SLUB-Dresden)


Gesamtkomplex Gaswerke (Genehmigung: SLUB-Dresden)

Außer dem Gaswerk in Reick gab es noch einen wichtigen Umschlagplatz, der für den Krieg wichtig war, und zwar die Bahnstrecke Dresden – Prag. Ein äußerst wichtiger Verkehrsweg. Zum anderen waren außerdem verschiedene Versorgungslager in Reick, die für den Zivilbedarf lebensnotwendig angelegt waren. Demnach ein gut gewähltes Ziel.



Panometer seit 2006

Die vorstehende Aufnahme zeigt das heutige "Panometer", welches in der damaligen Form wieder aufgebaut wurde. Es bietet im Inneren einen hochinteressanten Blick auf Dresden von 1756.
2008 besuchte ich es im August. Sehr beeindruckend! Im Panorama erhält man vom Turm der Hofkirche aus einen Rundblick aus dieser Zeit, von Meißen bis in die Sächsische Schweiz. Nachstehend drei kleine Ausschnitte auf das Panorama von 1756.

Zurück zur Bombardierung auf Dresden:
Die in den meisten Berichten geschilderten Ereignisse und zu einigen Gerüchten möchte ich einiges bemerken: Jahrzehntelang hielt sich in Dresden das Gerücht aufrecht, die Bombenangriffe seien vom "Weißen Hirsch" aus von einer bestimmten Villa durch einen amerikanischen Geheimagenten geleitet und gelenkt worden. Richtig bestätigt hat sich das nie. Über diese Aussage gibt es meines Wissens aussagekräftige Literatur.
Fährt man mit der Standseilbahn zum "Weißen Hirsch" hoch, kommt man unmittelbar an dieser Villa vorbei. Betrachtet man diesen Aussichtspunkt der Villa, dann könnte das stimmen. Beim ersten Angriff auf Dresden brannten hauptsächlich Fabriken in Dresden, sogar in unserem kleinen Vorort. Die dadurch entstandene Helligkeit bot der nachfolgenden Bomberwelle geradezu optimal die Möglichkeit, gezielt die "Bombenteppiche" zu legen.
Die von den Nazis ausgewählten grünen Fluchtzonen als Schutzgebiete, wie die Elbwiesen, der Große Garten, das Große Ostra- Gehege, waren besonders geeignet, flüchtende Menschen durch Tiefflieger mit Bordwaffen zu beschießen. Persönlich erfuhr ich diese Informationen von Augenzeugen und Betroffenen die es miterlebten.
Der Autor Jörg Friedrich hat dies mit seinem Essay "Angriff auf die Antilopen" eindrucksvoll auf andere Art und Weise dargestellt. Der Titel bezieht sich auf den Dresdner Zoo. Alle Tiere sind beim Angriff, bis auf einige die man danach erschießen musste, zu Tode gekommen.


Hilflosigkeit und Ratlosigkeit

Die Ratlosigkeit die bei unseren Hausbewohnern aufkam, besonders nach dem Angriff auf Reick, war erschütternd und unvorstellbar. Eine Hilflosigkeit, die Verwirrung sowie die Schutzlosigkeit lähmten das gesamte Leben und das Tun der Menschen. Keiner traute sich aus dem Haus zu gehen und hätte auch nicht gewusst wohin. Nun kommt für mich etwas Merkwürdiges und Unerklärliches: Der Angriff auf Reick erfolgte am Mittwoch, den 14. Februar, gegen 11 – 12 Uhr. Das habe ich derartig genau in Erinnerung, da ich, wie gesagt, auf dem Hof kontrollierte was im Boden stak und in der Bombennacht hell aufblitzte.
In Tolkewitz ist in der Lewickistraße eine Tafel angebracht auf der vermerkt steht, dass am gleichen Tag Tolkewitz angegriffen wurde. In meiner Erinnerung war das nicht am 14. sondern am 15. Februar. An diesem Tag wurde zu gleicher Zeit, in Tolkewitz unser kleiner Ortsteil bombardiert. In meiner Erinnerung sind mir drei Tage mit Bombenangriffen haften geblieben.



Gedenktafel in der Lewickistraße (Privat-Foto 2003)

Nach dem Angriff auf Reick trat zunächst eine verhaltene Ruhe ein. Der oben beschriebene Zustand der Leute war der gleiche. Ich erinnere mich noch, dass an dem Mittwoch im Keller eine ebenso ängstliche Stimmung wie in den vorangegangenen Stunden herrschte. Was dann allerdings an dem für mich vermeintlichen 15. Februar passierte, übertraf alles vorher Erlebte.


Angriff auf den Vorort Tolkewitz

An diesem Vormittag hörte ich ein ähnliches Brummen am Himmel wie am Tag zuvor. Alle rannten in den Keller. Ich stand unter besagtem Türrahmen des Kellers. Dann brach die Hölle los. Um uns herum und über uns donnerte und krachte es, dass einem wahrhaftig das "Hören und Sehen verging". Im Luftschutzkeller erhob sich ein Geschrei und Gejammer, grausamer als zuvor, es war die nackte, in allen Gesichtern zu lesende Todesangst.
Mein Blick ging immer auf den Türrahmen und ich dachte, sollte das Haus einstürzen, dann hält hoffentlich dieser Rahmen. Plötzlich krachte es unmittelbar vor und hinter unserem Haus, es gab einen riesigen, fürchterlichen Schlag, die Kellerdecke sprang 5 bis 10 cm hoch. In meinem Kopf manifestierte sich der Gedanke: "Oh je, jetzt ist mein Klavier heruntergekracht". Danach eine unheimliche Totenstille. Das Lebensgefühl, der Lebensmut unserer Hausbewohner war vollkommen zusammengebrochen, der Lebenswille total am Ende. Eine Verzweiflung griff um sich, die nicht zu beschreiben ist. Frau Jannasch, mit ihrem Kinderwagen, nach wie vor im Gang stehend, hatte sich aus Angst an mich geklammert, in der Hoffnung dadurch ein wenig Halt und Stütze zu bekommen. Alles zusammen gefasst ergab ein trostloses und hoffnungsloses Bild.
Ich verließ als erster den Keller. Keiner traute sich vor das Haus zu gehen. Die Angst davor, wie es draußen aussehen könnte, oder was überhaupt passiert sei, übertraf alles. Mutlos hockten die Leute im Kellerraum.
Hinter dem Haus, zum Gartengelände zu, war ein Bombenkrater neben dem anderen. Ich hatte eigentlich vor, wenn es wieder einmal kracht, dann legst du dich unter den Kirschbaum, welchen mein Vater am Zaun zu Haubers Baumschule gepflanzt hatte. In der Kuhle liegend glaubte ich sicherer zu sein, als im Keller unter dem Türrahmen stehend. Meine Mutter ließ das aber nicht zu, dass ich mich im Freien aufhalte.
Sie tat gut daran. Denn genau dort, wo der Kirschbaum gepflanzt war, sah ich zwei große Bombenkrater. Hätte ich mich an diese Stelle hingelegt, wäre ich tot gewesen. Nachdem ich mir alles angeschaut hatte, ging ich durch den Hausflur auf die vordere Seite unseres Hauses, quasi auf die Nagelstraße. Nach dem erlebten Inferno während des Bombardements, bot sich mir ein seltsames Bild. Ein Bombenkrater am anderen. Sie waren ca. drei bis vier Meter tief, mit einem Durchmesser von fünf bis acht Meter, wenn nicht noch mehr. Auf der Straße häufte sich eine Erd- und Lehmschicht, ungefähr 30cm hoch. Einige junge Bäume, vielleicht zwei bis drei Meter lang, lagen auf der Straße.


Veränderte Landschaft

Ich schaute mich sehr verwundert um. Zunächst stellte ich fest, dass unser Haus noch zumindest unversehrt dastand. Mein Klavier offensichtlich heil in unserer Wohnung steht und soweit alles in Ordnung schien. Aber auf der Straße lagen Bäume. Das war mir völlig unklar, denn in unserer Straße gab es keine Bäume. Außer Rasen-Rabatten mit Betoneinfassungen gab es keine derartige Bepflanzung in dem Teil der Nagelstraße. Dann überlegte ich, woher die Bäume sein könnten. Nach einigen Überlegungen "fiel der Groschen" bei mir.
Hinter unserem Haus mit den Gärten, war Haubers Baumschule. Von dort hatte es die Bäume 30 bis 50 Meter über unsere Dächer hinweg geschleudert. Die zweistöckigen Häuser in der Siedlung sind ungefähr 15 bis 17 Meter hoch.
Vor unserem Haus fehlten einige Betoneinfassungen. Von diesen Brocken ca. 60 cm hoch, 20 cm breit und 1,00 bis 1,50 Meter Länge, fehlte einer bei unserer Einfassung. Nachdem ich mir alles angesehen hatte rätselte ich, wo der Brocken hingeflogen sein könnte. Ich schaue auf unser Dach und sehe, dass das Dach zum Teil zerstört war. Also hoch auf den Dachboden. Als ich oben ankam, glaubte ich nicht recht zu sehen. Dieser Brocken lag, in seiner gesamten Größe, auf dem Dachboden. Das Krachen welches ich im Keller während des Bombardierens wahrnahm, war nicht der Absturz meines Klaviers, sondern das Gepolter des Betonbrockens, den es hoch geschleudert hatte. Daran kann man ermessen, welche Gewalt und Wucht Sprengbomben auslösen können.
In den darauf folgenden Wochen zählten wir die Bombeneinschläge. Wir schätzten, wie viele Bomben auf unsere Siedlung und das darum liegende Areal abgeworfen wurden.
Unserer Schätzung nach müssen es ca. 250 Einschläge gewesen sein, auf einer Fläche von einem ¼ qkm. Davon nur zwölf Gebäude zerstört.



Tolkewitz, Teilansicht, Luftbild um 1930

Beschaut man sich diese Siedlung aus der Luft, dann ist ersichtlich, wie dieses baulich exakt angeordnete Areal im Sonnenschein für Flieger deutlich erkennbar sein musste.
Die im 2.Weltkrieg noch nicht beherrschte Genauigkeit der Bombardements verhinderte eine weitgehende Zerstörung des Ortsteiles. Die Bomben waren zum Großteil in die Gärten und auf die Straße eingeschlagen. Fast ein Wunder, wenn man bedenkt, dass die gesamte Siedlung zerstört, wenn alle Bomben "Volltreffer" gewesen wären.
Als erstes mussten wir den Lehm und Dreck auf der Straße beseitigen.
Das war gemeinsame Sache und brachte die Menschen, auch die von den gegenüberliegenden Häusern zusammen und es entstand eine sogenannte Not- und Solidargemeinschaft.
Wohin aber mit den Bäumen? Es lagen ca. 30 kleine Bäume auf der Straße herum. Ich kam auf die Idee: Wenn wir den Bombenkrater, der an der gegenüberliegenden Seite unseres Hauses lag zuschütten, werde ich eine der Birken zum Gedenken an die Bombardierung dahin pflanzen. Der Krater wurde von uns zugeschüttet und die Birke gepflanzt. Dass es eine Birke sei, konnte ich damals nicht herausfinden, denn es war eine ganz junge Pflanze, zwei bis drei Meter lang. Bei meinem Besuch in Tolkewitz im Jahre 2003 ließ ich mich unter der jetzt noch stehenden Birke fotografieren.
Dieser Baum ist ein Zeitzeichen, eine bleibende Erinnerung und eine Mahnung an die Tage der Bombardierung.



Gegenüber: Nagelstraße 17 (Foto 2003)



Hier wohnten meine Eltern 50 Jahre: Nagelstraße 14
(Foto 2003)


Flucht aus Angst und Furcht vor neuen Bombenangriffen

Keiner wusste – hilflos wie wir alle – genau, was wir tun oder machen sollten. Da sagte ich zu meiner Mutter, weil keiner wissen konnte ob noch Angriffe stattfinden würden oder nicht: Wir flüchten nach Dippoldiswalde zu unserer Großmutter. Die Hausbewohner, zunächst zweifelnd, schlossen sich uns aus Angst an. Als wir an einem Nachmittag loszogen (wann das genau war weiß ich nicht mehr), warf ich noch ein altes Milchkännchen an die Hauswand als Zeichen, dass wir das Haus wohlbehalten wiedersehen würden. Dann zog die Karawane los. Wir liefen über die Felder von Haubers Baumschule und des Bauern Schumann nach Süden, Richtung Dobritz. Da stand irgendwo ein LKW herum und der Fahrer fragte uns, wo wir hin wollten. Wir sagten zu ihm: "Nach Dippoldiswalde". Daraufhin meinte er (vielleicht war er ebenso hilflos wie wir): "Steigt auf, ich fahr euch dahin". In "Dipps" (Spitzname dieses Ortes) angekommen, zogen wir zur Großmutter Anna, die Mutter meines Vaters.
Familie Hocke, denen das Haus gehörte, war überrascht, dass wir mit derartig viel Menschen auftauchten. Trotzdem wurde ein Notlager in dem großen Wohnzimmer meiner Großmutter eingerichtet. Jeder fühlte sich erst einmal entspannt und sicher und nahm die Gelegenheit wahr, sich ein wenig auszuruhen. Von Schlaf konnte keine Rede sein. Dass das mit ca. 15 Personen nicht lange gut gehen konnte, versteht sich von selbst, zumal die Frage der Versorgung vollkommen ungelöst blieb. Ich selbst, auch ein wenig erschöpft, schlief bei meiner Tante Micke, so nannten wir sie im Familienkreis. Sie war sehr besorgt um mich.
Zunächst musste ich erst einmal genau schildern was in Dresden und insbesondere in Tolkewitz geschehen war. Den Feuerschein des Bombardements hat man nicht nur bis Dippoldiswalde, sondern bis hoch ins Erzgebirge und ins Vogtland gesehen. Wie gesagt, diese Situation in der Wohnung meiner Großmutter war kein Zustand in dem sich jeder wohl fühlen konnte, so dass wir wenige Tage später wieder in die Nagelstraße zurückkehrten. Das Aufräumen begann. Und jeder richtete sich seinen Möglichkeiten entsprechend ein. Die Sondermeldungen des Krieges wurden immer schrecklicher und beängstigender. Nachdem wir wieder in unserem Hause angekommen waren, sagte meine Mutter zu mir, sie hätte gehört, in der Theodorstraße gäbe es irgendwo Wasser. Ich muss wiederholen was ich oben sagte, es gab nach der Bombardierung weder Wasser, noch Strom, noch Gas. Also machte ich mich mit einem Einwecktopf auf den Weg um Wasser zu holen
(Einwecktöpfe sind Zinkeimer, ca. 15 Liter Wasser fassend, mit einem Deckel in den zum Einkochen das Thermometer gesteckt wurde).
Tatsächlich, in einem der Höfe spendete ein Hahn noch genügend Wasser. Ich füllte den Topf und ging den unteren Teil der Nagelstraße, jenen der mit den wunderschönen alten Kastanienbäumen bepflanzt ist, entlang. Da hörte ich plötzlich ein starkes Motorengeräusch am Himmel. Ich dachte erschreckt: Verdammt, jetzt kommen die Bomber wieder. Was tun wenn es kracht? Mein erster Gedanke war: Meinen Kopf muss ich irgendwie schützen. Er schien mir der wichtigste Teil meines Körpers zu sein. Ich stellte den Topf neben eine Kastanie und legte mich zwischen Topf und diesem Baum. Da rauschte etwas donnernd über mich hinweg. Ich ducke mich. Schiele aber doch nach oben und sehe, wie ein einsamer deutscher Flieger, ein sogenannter Jäger, über mich hinwegpfeift. Zuerst musste ich über mich selber lachen, töricht genug zu sein, sich decken zu wollen. Dann ärgerte ich mich aber, denn in den Tagen der Bombenangriffe sah oder hörte man weder Abwehrflieger noch Flakbatterien.
Wenn die Sirenen bei Fliegeralarm heulten, spielte sich meist ein gespenstiges Geschehen am Himmel ab. Zur Luftabwehr wurden ja bekanntlich nicht nur Fesselballons eingesetzt, sondern man suchte mit Scheinwerfern den Himmel nach feindlichen Flugzeugen ab, um sie ins Visier zu nehmen und sie möglicherweise abzuschießen. Vom "Abschießen" in Dresden kann man wohl kaum sprechen. Meinen Schulfreund "Knoden" (Spitzname! Er hieß Knoderer) zogen die Nazis Ende 1944 noch als Luftwaffenhelfer ein. Ein Unsinn sondergleichen. Er war ein halbes Jahr älter als ich. Später erzählte er mir, dass sie nur aus einer Einheit bestanden die auf der Südhöhe in Dresden stationiert war. Als der Bombenangriff stattfand, hätten sie nur einige Salven abgegeben und wären danach schleunigst im Unterstand verschwunden. Lächerlich, dass Hitler glaubte, einen Krieg, der schon verloren war, mit Pimpfen und Schülern noch gewinnen zu können.


Die Tage und Wochen nach dem Angriff

In der auf den Angriff folgenden Woche wollte ich mit dem Fahrrad zum Konservatorium fahren, um zu sehen ob das Haus noch steht oder zerstört ist. Wir hatten in unserem Vorort keine Ahnung vom Ausmaß der Zerstörung, oder wie es in der Stadt überhaupt aussah. Meine gewohnte Strecke fuhr ich mit dem Fahrrad bis zum Wasserwerk hinunter und dann in Richtung Straßenbahnhof Tolkewitz. Dem Straßenbahnhof gegenüber liegt der bekannte Johannesfriedhof. Als ich am Wasserwerk vorbei fuhr, sah ich auf den Elbwiesen einen Flugzeugflügel in der Wiese stecken, sonst aber nichts weiter Bedeutendes. Dass bei dem Bombenangriff ein Flugzeug abgestürzt sein könnte, kam mir zunächst nicht in den Sinn. Innerlich sehr angespannt und ängstlich fuhr ich weiter. Überall lagen Trümmer und Brocken herum. Die Oberleitungen der Straßenbahn lagen auf der Straße. Vorsichtig weiterfahrend, versuchte ich möglichst nicht zu stürzen. Am Friedhof ankommend, musste ich absteigen. Es lagen derartig viel Trümmer und Gegenstände herum, ich konnte einfach nicht weiter fahren.
Mein Fahrrad vor mich herschiebend sah ich an der Friedhofsmauer einen Menschen in Uniform liegen. Als ich näher hinschaute, stellte ich fest, dass dies ein englischer oder amerikanischer Flieger sein musste. Geronnenes Blut an seinem Körper und die offensichtliche Leblosigkeit ließen mich nicht nur erschaudern, sondern mich packte das reine, von Ängsten geprägte "Hasenpanier". Ich fuhr schnurstracks zurück nach Hause. In solchen Momenten spürst du eine deutlich aufkommende Feigheit in dir. Dieser kann man weder entrinnen noch ausweichen, sie zwingt einen den Tatsachen und den Geschehnissen ins Auge zu schauen. Ich erzählte meiner Mutter diesen Vorgang. Sie selbst von Ängsten und Wirren geplagt reagierte in ihrer Hilflosigkeit wenig darauf, eigentlich überhaupt nicht. Was dabei in ihr vorging kann ich weder einschätzen noch beurteilen.


Versuch, die Normalität des Lebens wieder zu gewinnen

Einige Tage später kam unerwartet unser aller geschätzter Prof. Hempel, der Leiter der Orchesterschule am Konservatorium, mit dem Fahrrad bei uns "angeradelt". Am anderen Ende der Stadt wohnend, an der Stadtgrenze West, nahe der Geblerstraße in Trachau, fand er den Mut quer durch die Stadt nach Tolkewitz zu kommen. Meine Mutter bot ihm etwas zu trinken und zu essen an, was er dankend annahm. Dann fragte er leicht vorwurfsvoll, warum ich mich nicht am Konservatorium habe blicken lassen. Ich erzählte ihm die Geschichte mit dem toten Soldaten und meinen Ängsten und Empfindungen. Dafür hatte er volles Verständnis. Wir vereinbarten, uns in den kommenden Tagen am 'Kon' zu treffen. Nunmehr schon ermutigter und tapferer fuhr ich zum vereinbarten Termin mit dem Fahrrad zum Seidnitzer Platz. Unterwegs sah ich Zerstörungen von Stadtteilen, verursacht durch die Bombenangriffe, die mich nicht nur entsetzten, sondern in mir Gefühle aufkommen ließen, die schwer zu beschreiben sind. Am 'Kon' angekommen, stand schon mein Lehrer Hempel. Wir begrüßten uns und schauten vollkommen erstarrt und verwundert auf das ehemalige Gebäude, auf "unser Konservatorium". Unvorstellbar! Es war nichts, aber auch gar nichts mehr von Gebäudeteilen zu sehen. Das Konservatorium war regelrecht wegrasiert worden. Quasi dem Erdboden gleich gemacht! Wie wir später von Augenzeugen erfuhren hatte eine Luftmine das Gebäude in Längsrichtung vollkommen plattgemacht und vernichtet. Lediglich Grundmauern waren noch erkenn- bzw. erahnbar. Luftminen, im zweiten Weltkrieg bereits eine Teufelswaffe, zerstören Häuser und Gebäude gnadenlos, an diesen Stellen ist nichts mehr auffindbar. Schockiert und entsetzt standen wir vor dem Trümmerhaufen.
Nach einiger Zeit des Erstarrens sagte Prof. Hempel zu mir: "Ich weiß wo das Musikinstrumentenzimmer war, vielleicht finden wir da wenigstens noch Reste von Gold oder Silber". Dazu muss gesagt werden, dass Holzblasinstrumente teilweise mit Edelmetallen be- und verarbeitet wurden. Eine Qualitätsfrage für gute Instrumente. Wir liefen also auf den Trümmern herum. Hempel zeigte auf eine Stelle und meinte: Hier ist das Instrumentenzimmer gewesen.
Ich erinnere mich nicht mehr mit welchem Gegenstand wir im Boden herumstocherten. Eines ist mir in deutlicher Erinnerung geblieben, alles noch Vorhandene war nur noch: Asche, Asche, Asche!
Dies hatte ich so noch nie gesehen. Unvorstellbar! Total alles nur Asche! Von Instrumenten, oder deren Reste nichts zu sehen! Der Ascherest einer gut qualmenden Zigarre ist grober, als das was wir da sahen. Von "Edelmetallen" keine Spur. Es muss alles in einer Art und einer unvorstellbaren Hitze verglüht sein, dass sich nicht einmal mehr ein Krümelchen finden ließ. Wie wir mehr als traurig umherschauen, fällt mein Blick auf den rückwärts gelegenen Orchesterprobensaal, der natürlich ebenso zerstört war wie das Hauptgebäude. Da sehe ich zwei Paukenkessel stehen und rief: "Professor Hempel, da hinten stehen noch zwei Paukenkessel". Er schaute ganz verdutzt. Wir kletterten über die Trümmer hinweg nach hinten und tatsächlich, da standen zwei Paukenkessel. Die Sonne schien und sie strahlten kupferfarben wie neu in diesem Morgenlicht. Von der Kupferfarbe, wie auch von der Form her, standen sie ganz natürlich und echt aussehend in der Morgensonne. Sie schienen vollkommen intakt zu sein. Ein Phänomen!
Der Professor sagte: "Komm, wir tragen sie nach vorn auf die Straße", in der Hoffnung wenigstens etwas gerettet zu haben und es sicher zu stellen. Was ich jetzt ausführe ist unglaublich. Wir beide meinten ernsthaft, dass die Pauken noch völlig in Ordnung seien. Sie standen naturgetreu und wie echt aussehend vor uns. Wir packten zusammen eine der Pauken an und wollten sie hochheben. In diesem Moment fiel sie in sich zusammen wie die genannte Zigarrenasche. Von ihr war nichts, aber auch gar nichts mehr zu sehen. Voller Wut und Zorn trat ich gegen die andere - und schwups - auch diese dem Erdboden gleichgemacht. Wir unterlagen der Täuschung, dass wenigste etwas noch erhalten geblieben und noch brauchbar sei. Es war unglaublich. Nichts, nichts! Etwas Vergleichbares habe ich in dieser Art in meinem Leben nie wieder gesehen und erlebt.
Resignierend kehrten wir zur Straße zurück und berieten was nun zu tun sei. Hilflos schauten wir in die Gegend. Am gesamten Seidnitzer Platz und in der überschaubaren Umgebung sahen wir nur Trümmer, Trümmer, Trümmer. Grauenhaft! Trostlos!


Ein "Ententeich" und seine tragische Geschichte

Hier schildere ich die Geschichte vom "Ententeich", einem Löschteich, der auf dem Seidnitzer Platz "eingebuddelt", besser gesagt, einbetoniert war. Als wir diesen sahen, kannten wir noch nicht die Geschichte, was auf und mit diesem passiert sei. Neben dem Konservatorium befand sich ein Gymnasium, in diesem kampierten auch Studenten des 'Kon'. Unser Mitschüler Franz Klimt, er studierte Oboe, lebte und wohnte während des Studiums in dem Internat der Schule. Er war einer der angehenden Musiker die ich bereits zitierte, welcher aus dem Vogtland stammte und nicht jede Woche nach Hause fahren konnte. Ihn traf ich nach der Zerstörung und dem Ende des Krieges erst in meiner Suhler Zeit, um 1970 herum, als Korrepetitor am Meininger Theater wieder. Im Gespräch kamen wir natürlich auf den Bombenangriff zu sprechen. Er schilderte mir etwas, was ich schon anderweitig gehört hatte und nun durch ihn bestätigt fand. In diesem Internat lebend, versuchte er in der Bombennacht aus dem zerstörten Gymnasium mit den anderen Internatsschülern zu fliehen, um sich vor der Feuersglut zu retten. Sie versuchten, wie auch andere Menschen, am "Ententeich" Kühlung und Labung zu finden. So auch Franz Klimt. Das am Seidnitzer Platz stehende Elektrizitätshäuschen brannte, wie er sagte, lichterloh. Eine unbeschreibbare Feuersglut umgab den Teich und den Platz. Umherfliegende brennende Fetzen, durch den Feuersturm immer wieder neu angefacht, suchten die Menschen nach einer naheliegenden Linderung. Der zugefrorene Löschteich bot dazu eine Möglichkeit. Ungefähr 30 Menschen liefen auf das Eis und suchten Kühlung. Manche lagen oder saßen am Ufer und versuchten mit den Händen etwas Wasser zu erhaschen. Durch die übergroße Hitze - und dies bemerkten die auf dem Eis stehenden natürlich nicht - schmolz langsam die Eisfläche.
Nun kommt etwas, das erzählte mir Klimt - für jene die so etwas nicht erlebten eigentlich unfassbar – er saß zum Glück n u r am Rand des Beckens und musste mit seinen fünfzehn Jahren eines der furchtbarsten und grauenvollsten Ereignisse miterleben. Ein Erlebnis, das er immer vor Augen hat und das er niemals vergisst.
Die Eisdecke, durch das langsame Auftauen geschmolzen, kippte um und verschlang alles was darauf stand. Die Menschen rutschten unter die Decke und ertranken jämmerlich.
Der Versuch sie zu retten war aussichtslos, denn die am Rande stehenden hatten nicht die geringste Chance ihnen zu helfen. Sie konnten die Eisdecke weder hochstemmen, noch Ertrinkende erreichen. Derartige dramatische Umstände und die Eindrücke, das miterleben zu müssen, bleiben bei einem sensiblen Menschen wie Klimt es war, ein Leben lang haften.
Unter den Ertrunkenen soll ein sächsischer Meisterschwimmer gewesen sein.
Als Klimt mir diese Geschichte in Suhl erzählte, zurückhaltend und bescheiden wie er war, liefen ihm die Tränen über die Wangen. Die Erinnerung und das Entsetzen an das Erlebte standen ihm ins Gesicht geschrieben. Ähnlichen Gefühlen nachempfindend, sagte ich zu ihm: "Franz, du hast großes Glück gehabt, dass du am Rand des Beckens standest. Ich kann mir vorstellen wie es denen ergangen ist, die Kühlung auf dem Eis suchten und plötzlich in die Tiefe gerissen wurden. Für euch am Rande des Beckens war das wohl das Schrecklichste und Fürchterlichste, das ihr miterleben musstet. Ein Ereignis das nicht vorhersehbar war und keiner erwartete. Hilflos zuschauen zu müssen wie Menschen umkommen, ist wohl das grausamste was einem im Leben wiederfahren kann".
Für diesen Augenzeugenbericht verbürge ich mich.
Ende Februar 1945 sah ich, wie Strafgefangene die Leichen aus dem Teich bergen mussten.
Franz Klimt, was mag er wohl heute machen?
Solche Geschichten gehen einem derartig unter die Haut, dass sie unvergesslich bleiben und mit Worten nicht zu beschreiben sind. Ich selbst träumte noch 25 Jahre nach den Ereignissen der Februarzeit 1945 - wahrscheinlich durch die in Medien an solchen Tagen immer wieder gezeigten Berichte - von Bombardierungen und anderen Kriegshandlungen. Jeder befasst sich bewusst oder unbewusst mit solchen Erlebnissen in seinem Unterbewusstsein.
Über der Innenstadt lag im Mai / Juni 1945 ein so starker süßlicher Verwesungsgeruch, dass einem übel wurde. In den Straßenzügen, besonders in der Blochmannstraße in dem das "Kon" stand, erlebte ich, wie Häftlinge Leichen aus den Trümmern herausbuddeln mussten. Sie wurden zum Altmarkt transportiert, dort zu einem Haufen aufgestapelt und restlos verbrannt. Solche Vorgänge zu sehen und ihnen zuzuschauen möchte man keinem zumuten.
Die Zahl der Toten ist meines Erachtens überall falsch angegeben.
Am Abend des 13. Februar schätzte man, dass in der Innenstadt, vor allem aber in den Bahnhöfen, hervorgerufen durch die Flüchtlingsströme, eine Million Menschen gewesen sein müssen. Im Herbst 1945 fand eine Volkszählung statt. Dresden zählte vor dem Angriff ca. 638 000 Einwohner. Nach dem Angriff zählte man ca. 400 000 Einwohner. Viele flüchteten. Viele kehrten in ihre erhaltenen Wohnsitze zurück.
Wie viele sind aber wirklich umgekommen bei dem Angriff?
Wie viele sind umgekommen von der nicht bekannten Zahl der Flüchtlinge, die sich in Dresden aufhielten?
Die offiziell angegebenen 35 000 Menschen - durch eine Kommission inzwischen revidierte Zahl auf 25 000 - ist aus meiner Sicht nicht nur falsch, sondern vollkommen unrealistisch.
Offensichtlich sind bei einer solchen Untersuchung zu wenig Augen- und Zeitzeugen befragt worden. Da ich persönlich viele Pressenotizen und anderes Material über diese Tage gesammelt habe, fand ich z.B. nirgendwo, dass eine Volkszählung stattfand. Nur ein kleines Beispiel für die Zweifel die bei Menschen aufkommen, die dieses Inferno miterlebten.



Veröffentlichte Zahlen der Toten von Dresden im Laufe der Zeit

 Washington Post (Michael Doobs)
1999
330 000
 Die Fremdenführer von Dresden
300 000
 Der Neue Brockhaus: , Band A-D, Seite 615
1959
300 000
 Internationales Rotes Kreuz
1948
275 000
 Oberstleutnant a.D. Eberhard Matthes   
 
253 000
 Dokumente 1933-1945 (Walther Hofer)
 
250 000
 Ex-Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer   
1955
250 000
 Bericht des Dresdener Polizeipräsidenten
 
202 040
 Svenska Dagbladet (Schweden)
1945
200 000
 Globe and Mail (Doug Saunders)
2005
100 000
 Der Spiegel Online
2005
35 000
 Focus Online
2010
35 000
 Mail Online (Allan Hall)
2008
18 000
 Dresdener Historiker Kommission
2009
18 000